Online-Lesekreise mit dem Ferienuni-Team!

Einige von euch haben sich wahrscheinlich gefragt, wie sie diese Zeit im September sinnvoll nutzen können, wo doch die Ferienuni flachfällt. Wir bieten in dieser Zeit vier Lesekreise an, zu denen ihr euch unter kontakt@ferienuni.de anmelden könnt. Wann ihr die Texte lest ist natürlich euch überlassen. Weitere Infos erhaltet ihr nach Anmeldung.

1. Lesekreis zu: Morus Markard: Einführung in die Kritische Psychologie (keine Anmeldungen mehr möglich!)

Montag, 7.9. – Freitag, 11.8., jeweils 10-12.00

2. Lesekreis zum Thema Lernen, verschiedene Texte

Dienstag, 8.9. – Samstag 12.9., jeweils 14-16.00 Uhr

3. Lesekreis zu Klaus Holzkamp: Sinnliche Erkenntnis

Dienstag, 8.9. – Samstag 12.9., jeweils 18-20.00 Uhr

4. Lesekreis zu Marvakis: Orientierung und Gesellschaft

Di 08.09.20 – Sa 12.09.20; 18.00 – 20.00 Uhr

1. Lesekreis zu: Morus Markard: Einführung in die Kritische Psychologie

Für AnfängerInnen, aber Fortgeschrittene dürfen auch

In diesem Lesekreis werden wir uns der „Einführung“ widmen, die einen so dichten und ausführlichen Überblick über die Kritische Psychologie gibt, dass der Name „Einführung“ etwas irreführend ist. Von daher ist es umso hilfreicher, sich dies gemeinsam in einer kleinen Gruppe zu erarbeiten. Das Ziel dieses Lesekreises ist, gemeinsam die ersten Kapitel durchzugehen und so eine Grundlage zu schaffen, sich die restlichen Kapitel oder andere kritisch-psychologische Texte alleine zu erschließen.

2. Lesekreis zum Thema Lernen, verschiedene Texte

Für AnfängerInnen und Fortgeschrittene

Lernen ist ein zentraler Aspekt des menschlichen Lebens; wir werden aufgefordert ein Leben lang zu lernen, verbringen unser ganzen Jugend in Ausbildungsinstitutionen und müssen ‚lernen‘ mit modernen Herausforderungen klar zu kommen. Was lernen ist und wie Lernprozesse von anderen Menschen und Institutionen unterstützt wird, ist allerdings bei weitem nicht geklärt.

Holzkamps Buch ‚Lernen‘ ist sein letzter Hauptwerk und beschäftigt sich ausführlich mit Lernen aus der Perspektive des Lernenden und kritisiert insbesondere die Schule dafür, Lernen mitunter zu behindern, statt zu fördern. Aber ist sein Werk noch relevant heutzutage? Was können wir als Gesellschaft und Einzelpersonen davon mitnehmen; welche Aspekte der Theorie bedürfen einer Revision? In diesem Lesekreis werden wir die Relevanz von Holzkamps Gedanken diskutieren und voneinander lernen.

3. Lesekreis zu Klaus Holzkamp: Sinnliche Erkenntnis

Für AnfängerInnen und Fortgeschrittene

„[T]atsächlich hatte ja Holzkamp, dieser arrivierte Akademiker, noch einmal unterm Druck und Einfluss von Studierenden angefangen, mit diesen zusammen – sie waren zunächst einmal seine Lehrer und Herausforderer – zu studieren […] Dann aber hat er schneller gelernt als sie, seine neuen Lehrer. Er hat sie überholt und wurde zu einer jener dünn gesäten Leute innerhalb des deutschen Marxismus, die sich nicht mit Zitaten zufriedengeben, sondern sich ans Forschen begeben. Seine Leitfrage war die nach einer naturgeschichtlichen, und das hieß für ihn: einer genetisch rekonstruktiven Grundlagentheorie für eine marxistische Neugründung der Psychologie. Im Lichte dieser Leitfrage durchforschte er die Ergebnisse der für die Naturgeschichte relevanten Einzelwissenschaften nach seiner Leitfrage entgegenkommenden Andockpunkten, die er in sein eigentliches Forschungsfeld integrierte. Kurz, er hat seine Wissenschaft, die Psychologie, neu begründet.“ (W.F. Haug 2020)

Berlin, Anfang der 70er Jahre: Die Studentenunruhen haben nicht zur Revolution geführt, aber an den Universitäten haben sie deutliche Spuren hinterlassen. Insbesondere an der Freien Universität und dort insbesondere am psychologischen Institut, das sich in dieser Zeit – nach einem Konflikt mit den konservativeren Lehrenden – spaltet und neu formiert. Eine zentrale Rolle spielt der – eben erst von den Studenten zum Marxismus ‚bekehrte‘ – Professor und Institutsvorsitzende Klaus Holzkamp. Die Stimmung am Lehrstuhl ist weiterhin aufgeheizt und auf die Frage: ‚Was tun mit der Psychologie?‘ noch keine einhellige Antwort gefunden. Sie „zerschlagen“, weil sie eine unverbesserliche Herrschaftswissenschaft ist, wie einige gerade vehement fordern? Sich einbringen in einer neuen, emanzipatorisch intendierten psychosozialen Praxis, wie sie zu dieser Zeit entwickelt wird? Klaus Holzkamp setzt sich zunächst an den Schreibtisch und verfasst ein Buch über: Wahrnehmung. – Gab es nicht gerade Wichtigeres zu besprechen?

„Mit Wahrnehmung zu beginnen ist u.a. durch den Stellenwert begründet, den diese in der traditionellen Psychologie hat, ferner dadurch, dass die Wahrnehmungsforschung als scheinbar naturwissenschaftlich exakt und gesellschaftsfern in gesellschaftswissenschaftlicher Kritik weitgehend außer Acht gelassen wird. In der Perspektive Sinnlicher Erkenntnis ist hingegen gerade das Für-wahr-Nehmen des Wahrgenommenen das Problem, die Hinterfragung der sinnlichen Wahrnehmung sowie ein angemessenes Verständnis des Stellenwertes der Wahrnehmung im Erkenntnisprozess der Menschen wesentliche Voraussetzung für das Begreifen ihrer Praxis und zugleich veränderndes Bestimmungsmoment dieser Praxis selbst.“ (Schriften IV, Beschreibung)

In diesem Lesekreis werden wir, in mehreren Einheiten, anfangen die erste Monographie des Berliner Forschungszusammenhangs, die gleichzeitig das erste marxistische Werk Holzkamps ist, besprechen. Sie ist Dokument einer neuen kritischen Wissenschaft in ihrer Gründungsphase und wurde seinerzeit breit rezipiert. Wer sich heute mit Kritischer Psychologie befasst kennt diesen Text oft nur in Form von Verweisen und Zitaten, insbesondere aus der 10 Jahre später erschienenen, umfassenderen „Grundlegung der Psychologie“ oder Markards „Einführung“. Dadurch kann der Prozess des Denkens Klaus Holzkamps aus dem Blick geraten, welches, wie das jedes innovativen Wissenschaftlers, Entwicklungen, Wendungen und Brüche vollzogen hat, wobei einige Aspekte später nicht wieder aufgegriffen wurden, andere gerade durch den Nachvollzug ihrer Entwicklung verständlicher werden. Gerade das soll Anlass sein diesen Text im Original zu studieren.

4. Lesekreis zu Marvakis: Orientierung und Gesellschaft

Für den Lesekreis ist Vorwissen in der Kritischen Psychologie hilfreich.

In den letzten Jahren nehmen nicht nur öffentliche Bekenntnisse zur extremen Rechten zu sowie die damit einhergehenden Phänomenen wie Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus, etc. Bedeutsam ist auch, dass diesen Bekenntnissen auch auch außerhalb antifaschistischer Strukturen vermehrt Aufmerksamkeit zugewendet wird. Damit stellt sich die Überlegung, welche Konzepte hilfreich sind, sich kritisch mit politischen Gegner*innen auseinanderzusetzen, um dabei sich auch die impliziten Annahmen, die in der eigenen (politischen) Orientierung begründet sind, zu verständigen. Vom Standpunkt der Kritischen Psychologie stellt sich diese Überlegung als die Frage, wie sich ein handlungs- und gesellschaftstheoretisch fundierter Begriff der (politischen Orientierung) entwickeln lässt? Mit der Überlegung nach hilfreichen Konzepten, sind weitere Fragen verknüpft: Welche Sozial- oder Regulierungsformen sollten dabei als Vermittlungsinstanzen näher betrachtet werden, um gesellschaftliches Handeln – und Kontinuitäten in diesem Handeln – angemessen differenziert zu fassen? Wie lassen sich Orientierungsangebote unterscheiden zwischen denen, die die vorfindliche gesellschaftliche Ordnung reproduzieren bzw. legitimieren und denen, die die gesellschaftliche Ordnung überschreiten, indem sie andere Ordnungen antizipieren? Wie lässt sich die Überzeugungskraft von Orientierungsangeboten erklären? Welche Aspekte politischer Orientierung lassen sich für derartige Fragen sinnvollerweise unterscheiden? Ist es sinnvoll politische Orientierung vom Standpunkt kritischer Wissenschaft als ‚falsch‘ zu widerlegen? Oder ist das eine Illusion, da die Frage, ob (politische) Orientierungsangebote sich durchsetzen sich entscheidet „im politischen Kampf der (gesellschaftlichen) Gegensätze und nicht in der wissenschaftlichen Begründung der Unhaltbarkeit des einen (gesellschaftlichen) Entwurfs

durch Vertreter des/eines anderen“?!

Athanasios Markavis hat seinem 1996 erschienen Buch „Orientierung und Gesellschaft“ einen handlungs- und gesellschaftstheoretisch Begriff der (politischen) Orientierung erarbeitet, der bisher wenig rezipiert wurde. Im Lesekreis wollen die Entwicklung des Begriffs nachvollziehen, das Problemfeld auf das er antwortet begreifen, und dessen Nützlichkeit anhand o.g. oder ähnlichen Fragen nachgehen, und uns dabei auf aktuelle politische Konfliktlinien beziehen. Dabei werden auch Erfahrungen aus einem aktuellen Forschungsprojekt eingebracht, das sich mit diesen Fragen im Kontext der Institution Psychiatrie befasst.