2015 erschütterte ein groß angelegtes Projekt die akademische Psychologie: Eine Gruppe von 270 Wissenschaftler*innen versuchte 100 Experimente und Korrelationsstudien unter denselben Bedingungen wie im Original zu wiederholen. In nur 39 der Fällen bestätigten sich die Ergebnisse[1]. Dass kontextunabhängige Wiederholungen von Forschung unter »gleichen Bedingungen« immer die gleichen Ergebnisse bringen, ist die Grundannahme einer sich als naturwissenschaftlich verstehenden Psychologie – entsprechend wurden die Ergebnisse schnell als replication crisis bezeichnet, als Krise des methodischen Selbstverständnisses der Psychologie. Diskutiert wurden nun vor allem methodische Ungenauigkeiten; man müsse dazu übergehen, die Stichprobengrößen zu erhöhen, Datensätze vorab zu registrieren und den Forschungsprozess genauer zu dokumentieren[2] – kurz: wird man dem eigenen Anspruch nicht gerecht, muss er nur konsequenter verfolgt werden.

Blickt man in die Geschichte der Psychologie, ist das Beschwören von Krisen keine Seltenheit. Im Gegenteil, aktuell scheint die nächste »Krise« ins Haus zu stehen: Die Theorien, mit denen die berühmten sozialpsychologischen Experimente von Zimbardo und Milgram erklärt werden, scheinen mit ungenauem Datenbezug begründet zu sein [3]. Auch hier ist jedoch nicht mit paradigmatischen Änderungen zu rechnen: Psychologie ist, was psychologische Methoden messen – messen sie ungenau, nehmen die Störvariablen zu, brauchen wir genauere Methoden. Eine Verständigung darüber, dass die Anwendung der aktuell dominanten Methodologie psychologische Erkenntnismöglichkeiten einschränken könnte, findet nicht statt. Die Änderungsvorschläge finden immer unter den gleichen Grundannahmen statt. Krisen kommen und gehen, die Psychologie in dieser Form bleibt.

Dies ist nicht (nur) ein Problem eines beschränkten Verständnisses von Wissenschaft: Eine Psychologie, welche das Individuum als passiv versteht, als unter biologischen, gesellschaftlichen oder kognitiven Einflüssen stehend, ohne selbst jedoch Einfluss zu haben auf die Strukturen in denen es lebt, ist eine Psychologie, welche Wissen zur Kontrolle von Menschen produziert. Kritische Psychologie muss deshalb Kritik dieser Psychologie sein. Wir organisieren die Ferienuni, um die Krise einer solche Psychologie zu verstehen und zu ihr beizutragen.

Aber mehr als das: Die Kritische Psychologie will der Tatsache gerecht werden, dass das spezifisch Menschliche das Leben in menschengemachten Gesellschaften ist. Menschengemacht heißt, dass Gesellschaft auch veränderbar ist: Dies macht die Kritische Psychologie zum Kern ihrer Kategorien. Menschliches Handeln können wir in seiner Gesamtheit nur verstehen, wenn wir es nicht nur als Anpassung, sondern auch als widerständig und produktiv verstehen. Insofern verfolgt die Kritische Psychologie ein emanzipatorisches Anliegen und nimmt die Überwindung von Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnissen in den Blick. Wir möchten darüber diskutieren, wie eine solche wissenschaftliche und berufliche Praxis dazu beitragen kann, die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse (weiter) in die Krise zu führen. Die Ferienuni soll ein Ort sein, an dem wir uns organisieren und vernetzen, um uns ein anderes psychologisches Wissen anzueignen und uns darüber austauschen. Denn das schlauste Wissen bringt nichts, wenn es nur in Büchern steht und wir nur vereinzelt forschen.

Wir organisieren die Ferienuni, um das Zersplittern der Psychologie in viele Einzeltheorien zurückzuweisen und nach dem big picture zu fragen. Wir laden interessierte Studierende, Forschende und Praktizierende aus der Psychologie und anderen Fachrichtungen ein, um sich mit uns gemeinsam über die Grundkonzepte der Kritischen Psychologie auszutauschen, aktuelle Fragestellungen und Studien zu diskutieren, uns zu vernetzen und weiterzubilden. Die Ferienuni findet vom 8. bis 12. September 2020 an der Alice Salomon Hochschule in Berlin statt. Die Teilnahme an der Ferienuniversität Kritische Psychologie ist kostenlos.

[1] Open Science Collaboration (2015). Estimating the reproducibility of psychological science. Science, 349 (6251), aac4716.

[2] vgl. Epstude, Kai (2017). Towards a Replicable and Relevant Social Psychology. Social Psychology, 48 (1), pp. 1-2.

[3] Blum, B. (2018). The Lifespan of a Lie. Medium, June 7 2018: https://gen.medium.com/the-lifespan-of-a-lie-d869212b1f62